Social Media & Demokratie – Meinungsdynamiken auf TikTok verstehen
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- Übersicht
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- Einfluss & Kritik
- Medien- & Demokratiebildung
- Interview
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Die Kurzvideo-App TikTok, die vom chinesischen Internet-Technologieunternehmen ByteDance betrieben wird, steht seit Jahren aus verschiedenen Gründen in der Kritik. Zentral ist dabei auch die Sicherheit der Daten von Nutzenden, um die es an dieser Stelle aber nicht gehen soll.
Ein weiterer gewichtiger Kritikpunkt bezieht sich auf die mögliche Beschränkung bestimmter Inhalte bzw. das verstärkte Ausspielen anderer Inhalte, was insbesondere unter Miteinbezug des Wissens über das Informationsverhalten junger Nutzender auf TikTok äußerst problematisch erscheint.
Wenn junge Nutzende eher zufällig auf Nachrichten stoßen und diese vom Algorithmus ausgewählt werden, ist die Bildung von Filterblasen höchst wahrscheinlich. Das heißt, dass Nutzende mehr und mehr mit Inhalten konfrontiert werden, die ihrer eigenen Meinung entsprechen.
Recherchen und Berichte haben wiederholt darauf hingewiesen, dass TikTok in sensiblen politischen Fragen Inhalte unterdrücken könnte. Erfahren Sie mehr darüber in den einzelnen Kacheln.
Politische ThemenEs gibt Hinweise darauf, dass bestimmte Themen auf TikTok entweder zensiert oder im Algorithmus heruntergestuft werden:
- Interne Moderationsdokumente zeigten, dass TikTok Inhalte rund um Tiananmen, tibetische Unabhängigkeit, Falun Gong oder die Uiguren teils im Feed versteckt oder ganz entfernt hat (The Guardian).
- TikTok liefert bei Suchanfragen zu Begriffen wie „Uiguren“, „Tiananmen“ oder „Tibet“ häufiger irrelevante oder neutrale Inhalte als Plattformen wie Instagram oder YouTube. Insgesamt wurde gezeigt, dass TikTok Informationen entlang der politischen Linie der Kommunistischen Partei Chinas bevorzugt ausspielt (Studie).
- Das Projekt „Worlds Apart“ zeigt, was Nutzenden aus der Ukraine und Russland jeweils nicht von TikTok ausgespielt wird, und wie stark sich diese Inhalte unterscheiden.
Marginalisierte Gruppen- TikTok hatte früher Richtlinien, die Inhalte von Nutzenden mit sichtbaren körperlichen Besonderheiten (z. B. Übergewicht, Behinderung, queere Identitäten) unterdrückten – eine vermeintlich schützende Maßnahme gegen Mobbing, die jedoch faktisch zur Ausblendung führte. (netzpolitik)
Ob und inwieweit solche Richtlinien noch immer Anwendung finden, ist kaum zu überprüfen. - Es gibt Hinweise darauf, dass Nutzende, die Inhalte zum Thema „Black Lives Matter“ veröffentlichten, von TikTok weniger sichtbar gemacht wurden. Hashtags wie #BLM oder #GeorgeFloyd tauchten trotz hoher Nutzung nicht in den Trends auf. TikTok sprach von technischen Fehlern, doch der Vorwurf des Shadowbannings bleibt. (Times).
- Auf TikTok begegnen Jugendliche regelmäßig codiertem Antisemitismus und Rassismus. Antisemitische Codes wie „💉“ oder „🧬“ sowie Narrative über „Überfremdung“ oder „Kulturverlust“ sind verbreitet und werden oft als „Satire“ oder „Meinung“ verharmlost. (de:hate report)
Folgen für marginalisierte Gruppen
- weniger Reichweite und Bestätigung → eingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe
- Verstärkung von Stereotypen → dominante Narrative bleiben bestehen, Vorurteile und Diskriminierung werden reproduziert
- Gefährdung junger Nutzenden → Unsichtbarkeit und gezielte Anfeindungen
Falschinformationen & Radikalisierung- Falschinformationen verbreiten sich auf TikTok besonders schnell, da der Algorithmus stark auf Interaktionen reagiert.
- Beispiele: COVID-Mythen über angebliche Heilmittel, politische Desinformationen zum Ukraine-Krieg
- Kurze, emotionale Videos wirken glaubwürdig, vor allem bei jungen Nutzenden.
- Algorithmische Verzerrungen und mangelnde Transparenz erschweren die Einschätzung vertrauenswürdiger Inhalte.
- Besonders im politischen Kontext: Vertrauen in Medien, Wissenschaft und demokratische Prozesse kann untergraben, Meinungen können manipuliert und gesellschaftliche Spaltungen verstärkt werden.
- Rechtsextreme Mobilisierung: Rechtsextreme nutzen TikTok gezielt, um junge Menschen über Memes, Challenges und parasoziale Nähe anzusprechen.
Sie setzen dabei auf subtile Strategien, wie die Verbreitung über Humor oder Lifestyle, den Aufbau exklusiver „In-Groups“ und den Einsatz vieler kleiner Accounts, um gesperrte Profile zu ersetzen.
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Werden, wie die o. g. Quellen zeigen, gesellschaftspolitisch relevante Themen unsichtbar gemacht, entsteht ein verzerrter Blick auf die Realität.
Algorithmische Unterdrückung bestimmter Inhalte schafft unsichtbare Barrieren in der Öffentlichkeit. Die Problematik wird dadurch verstärkt, dass Jugendliche, die sich auf TikTok informieren, ohnehin oft nur selektiv gefilterte Inhalte wahrnehmen können.
Dies kann ihre Meinungsbildung erheblich beeinflussen und so auch Auswirkungen auf demokratische Beteiligung und öffentliche Diskurse haben. Um solchen Effekten entgegenzuwirken, ergeben sich die im nächsten Tab aufgeführten Anforderungen an die Medienbildung Jugendlicher.
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